Ehrenamtliche Initiative aus Hessen veranstaltet am SSG den landesweit ersten Zukunftstag.

Steuern, Finanzen, Immobilien, Krankenkassen. Auf dem Lehrplan stehen diese Themen nicht. „Man denkt, dass sich die Eltern darum kümmern“, sagt Theves (15). Aber irgendwann müssen die Schüler auf eigenen Füßen stehen – auch der Zehntklässler vom Sophie-Scholl-Gymnasium. Deshalb erlebt er mit 70 Mitschülern einen dicht gepackten Zukunftstag mit regionalen Experten, organisiert von der Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung aus Kassel. Es ist die Premiere der Aktion im Land.

„Der Mangel an Wissen in bestimmten Bereichen wird schon länger von den Oberstufenschülern beklagt“, sagt SSG-Leiterin Magdalena Diodati: „Genau diesen Mangel behebt dieses Projekt.“ Schülerin Lea Burmeister brachte es an das Gymnasium, nachdem sie die Initiatoren bei einer Veranstaltung kennengelernt hatte.

Dies sind Juri Galkin (21) und Lorenzo Wienecke (22), beide Studenten der Wirtschaftswissenschaften in Kassel. Das Problem illustriert Wienecke mit dem Twitter-Zitat einer Schülerin vom Januar 2015: „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Doch es bringe nichts, sich nur über Schule zu beschweren, stellte Galkin fest. „Machen statt meckern“, nach diesem Motto startete er vor nicht einmal zwei Jahren an seiner eigenen Schule das erste Projekt.

Mit Wienecke fand er einen Gleichgesinnten, der Verein Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung entstand. „Ein ehrenamtliches Projekt von Schülern für Schüler“, so Wienecke. Doch die Schulen sprangen nicht darauf an – das Angebot ging in vielen anderen unter. Erst als ein Rektor in Kassel den Zukunftstag ermöglichte und das Handelsblatt darüber berichtete, kam die Sache ins Rollen. Erfolgreich setzt der Verein nun darauf, dass Schüler das Projekt an die eigene Schule bringen – so wie Lea Burmeister es am SSG tat.

Der Zukunftstag passe gut in die Vorhabenwoche, in der es für die Zehntklässler um lebenspraktische Themen gehe, sagt Diodati. Überzeugend sei auch, dass regionale Referenten zum Einsatz kämen. Diese besorgt der Verein, die Experten bringen ihr Wissen ein in die jeweils 70-minütigen Workshops zu jedem Komplex, die vom Verein gestaltet wurden. Größten Wert werde auf Neutralität gelegt, sagen Galkin und Wienecke. Wer Werbung machen oder Kontaktdaten sammeln will, ist in dem Projekt fehl am Platze.

Steuern, Finanzen, Immobilien, Krankenkassen – „alle vier Themen sind wichtig, früher oder später wird man damit konfrontiert“, sagt Wienecke. Hilfreich und interessant sei das, sagt der 15-jährige Theves und spricht dabei für viele seiner Mitschüler: „Man bekommt neue Einblicke, von denen man sonst nie etwas mitbekommen hat. Es lohnt sich auf jeden Fall.“

Solche Rückmeldungen gibt es oft für die Initiatoren. Deshalb ist Schleswig-Holstein das zwölfte Bundesland, in dem ein Zukunftstag Wissenslücken schließt, bis Jahresende sollen alle erreicht sein. Diodati wünscht sich für Itzehoe bereits eine regelmäßige Wiederholung, auch in Zusammenarbeit mit den anderen Gymnasien: „Wir sind ganz stark daran interessiert, das zu institutionalisieren.“ Der Verein wiederum arbeitet bereits an Paketen, mit denen Schulsprecher selbst einen Zukunftstag organisieren können. Galkin: „Das Ziel ist, dass wir irgendwann nicht mehr gebraucht werden.“

 

(Lars Peter Ehrich, Norddeutsche Rundschau vom 23. August 2019)