Ganztägige Schreibwerkstatt mit Selim Özdogan

„Es hat mir geholfen, die Sicht von anderen viel besser zu verstehen“.
„Ich habe meinen Wortschatz erweitert in einer Weise, wie das im Unterricht überhaupt nicht möglich wäre.“
„Wir konnten unsere Kreativität entfalten.“
„Im Unterschied zum Unterricht durften wir das selber schreiben wie wir wollten.“

Das sind ein paar der Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler aus der 8a, die am 2.12. eine ganztägige Schreibwerkstatt mit Selim Özdogan erleben durfte. Dem Autor selbst ist bei seiner Arbeit mit den Jugendlichen stets wichtig, „einmal einen bewertungsfreien Raum im schulischen Alltag zu schaffen.“ Das ist ihm vollauf gelungen. Trotz des Mund-Nasenschutzes gelang es ihm schnell, einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden. Sie hatten immer das Gefühl, dass alles richtig ist, was sie sagen und dass sie keinen äußeren Ansprüchen gerecht werden müssen.

Spielerisch führte Özdogan die Klasse ans kreative Schreiben heran, indem sie Worträtsel löste wie „Mit E ist es nass, mit H hat man nicht genug“ (gemeint sind an dieser Stelle „Meer“ und „mehr“) oder sich im spontanen freien Assoziationsspiel von Begriffen übte, wobei es galt, binnen 30 Sekunden so viele Begriffe wie möglich zu nennen. Die Sprachreflexion über verschiedene Gefühle wie etwa der Unterschied zwischen „Eifersucht und Neid“ oder das Wesen von „Trauer, Wut und Angst“ erwies sich als ausgesprochen tiefgründig und erweiterte die Perspektive unserer Schülerinnen und Schüler, was sich auch in ihren Texten widerspiegelt.

Begeistert nahmen sie Özdogans Impulse auf und verfassten teils witzige, teils ernste und zum Nachdenken anregende Texte. Der Spitar, ein Wesen, das kleinen Kindern lauter Lügen erzählt, regte sie zum Verfassen von witzigen Texten an, die Reflexion über Gefühle bildete den Ausgangspunkt für eher nachdenklichere und ernstere Texte.
Zum Schluss durften die Schüler selbst Schreibaufträge formulieren, sodass alle unter mehreren Vorschlägen einen auswählen konnten. So entstanden auch Texte zu selbst gestellten Themen wie die Welt aus der Perspektive eines Tieres wahrzunehmen oder wie es für eine nahestehende Person wäre, wenn man selbst nicht mehr leben würde.

Der Autor zeigte sich ebenso begeistert von der Klasse wie diese sich von ihm. Er war angetan, was für eine aufmerksame, rege und kluge Klasse das ist. „Sie haben wunderbar mitgearbeitet und es hat mir Freude bereitet, sie über das durchschnittliche altersgemäße Maß hinaus zu fordern.“

Und auch mir bereitete es Freude zu sehen, mit welchem Elan die Klasse dabei war und welches Selbstbewusstsein alle durch das Verfassen und Vorlesen ihrer eigenen Texte gewonnen haben. Diese Schreibwerkstatt zeigt erneut, wie wichtig es ist, den Jugendlichen ein Angebot dieses Formats zu machen. Denn es ergänzt den schulischen Unterricht auf eine wertvolle Weise, weil es ihnen eine eigene Stimme gibt. Zugleich regt es zur Reflexion über Sprache an und motiviert zu einem bewussteren Umgang mit der Rechtschreibung. Dies ist umso wichtiger in einer Zeit, welche zunehmend durch den Umgang mit digitalen Medien geprägt ist.

Ich bin froh, dass die Begegnung mit dem Autor stattfinden konnte dank des Einverständnisses unserer Schulleiterin Magdalena Diodati, der die Lese- und Schreibförderung unserer Schülerinnen und Schüler sehr am Herzen liegt und die stets für alle Arten von Autorenbegegnungen zu gewinnen ist.

Auch der 12. Jahrgang kam in den Genuss der unmittelbaren Begegnung mit dem vielseitigen Autor, der sich keinem bestimmten Genre zuordnen lässt und sich literarisch immer neu erfindet. Özdogan las aus seinem Werk und stellte sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler zu seinem Leben und Werk. Auch hier überzeugte er durch seine Authentizität und gab ihnen wertvolle Impulse und Denkanstöße mit auf den Weg.

Ermöglicht wurden die Lesung und die Schreibwerkstatt durch den Friedrich-Bödecker-Kreis (FBK), einem Verein zur Leseförderung und Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche, der seit den 1950er Jahren verschiedene Formen von Autorenbegegnungen mit dem Ziel der Leseförderung vermittelt und auch jetzt wieder im Rahmen des Projektes „Dein Wort zählt“ dafür sorgte, dass Selim Özdogan unser Schulleben bereichert.
Seit 2015 vermittelt der Bödecker-Kreis Schleswig-Holstein in jedem Schuljahr erfahrene Autorinnen und Autoren ans SSG. Neben Özdogan, der bereits 2017 bei uns gewesen ist, kamen auch die Adelbert-von-Chamisso-Preisträgerinnen Anila Wilms, Sudabeh Mohafez und Que du Luu, welche ein- bis zweitägige Schreibwerkstätten und Lesungen hielten. 2019 leitete die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Hamburger Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Franz einen halbjährigen Schreibworkshop zum Thema „Ich gehe meinen Weg“, der in einer wunderbaren Szenischen Lesung mündete, wo die Jugendlichen ihre Texte vortrugen und dem Publikum die CDs schenkten, auf welchen sie ihre Texte im hiesigen Kulturbahnhof eingesprochen hatten.

(Nina Drabinski)