Demokratie JETZT – Eine Erasmus-Lehrerfortbildung in Athen

Wenn wir uns in Deutschland, Europa und der Welt umschauen, ist schnell ersichtlich, dass es Demokratien zur Zeit schwer haben und autoritäre Regime ihren Einfluss mehren. Wie sicher ist unsere Demokratie in Deutschland und Europa noch? Eine Frage, die einen wesentlichen Teil des Geschichtsunterrichts, aber auch des alltäglichen Daseins mehr denn je prägt. Also war es für mich an der Zeit, sich mit Gleichgesinnten auf Spurensuche in der Wiege der Demokratie bis heute hin zu machen. Dafür suchte ich mir die Erasmus-Fortbildung in Athen aus, die sowohl einen Blick auf verschiedene Phasen der Geschichte des Landes als auch in die Gegenwart warf und die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in den Blick nahm.

Mit sechs Teilnehmerinnen aus Deutschland und Österreich sowie unter der Leitung von Petra und Nano durchliefen wir vom 16. bis 20. Juni 2025 ein vielfältiges Programm an historischen und aktuellen Orten, setzten uns mit den Schwierigkeiten, den Wert von Demokratie an Kinder und Jugendliche zu vermitteln, auseinander und tauschten uns über unsere Erfahrungen aus – auch über das reguläre Programm hinaus bei gemeinsamen Abenden unter athenischen Himmel.

Los ging es mit dem Besuch der Pnyx, dem Versammlungsort der attischen Volksversammlung. Nano als studierte Fremdenführerin, die insbesondere mit Kinder- und Jugendgruppen arbeitet, führte uns in die Entstehung der Demokratie ein. Ein besonderer Moment war es, eine Tonscherbe zu suchen und zu finden, den Worten der damaligen, attischen Politikern zu lauschen, die Nano verlas, und sich vorzustellen, wie die Redner von der Rostra aus den mindestens 6000 versammelten Menschen ihre Vorschläge unterbreiteten. Über einen Schlagwort-Vergleich zur Demokratie damals und heute stellten wir uns auf eine Woche spannender Inhalte und Diskussionen ein. Dieser Auftakt wurde durch den Besuch des griechischen Parlaments im alten Königspalast, dem Tagungsort in Athen, untermauert. Auch wenn wir den Inhalt der Anhörungsstunde im Parlament nicht verstehen konnte, war das Vorgehen und Gebaren der anwesenden Politikern doch sehr interessant und führte zu vielen Fragen und Antworten zur aktuellen Parteien- und politischen Lage in Griechenland.

Am Dienstag begaben wir uns zur Polytechnischen Hochschule in Athen. Dort fand 1973 ein Aufstand von Studenten statt, die das Ende der Militärdiktatur forderten und dieses – je nachdem, wen man fragt – maßgeblich vorantrieben. Anders als vielleicht zu erwarten, ist dieser Tag aber kein Feiertag, sondern wird vor allem von linken politischen Kräften als Erinnerungstag zelebriert, an dem Teile der Bevölkerung demonstrieren und Nelken niederlegen. Sich damit zu beschäftigen, dass Menschen sich unter Einsatz ihres Lebens gegen ein Unrechtsregime stellten, war bedrückend. Für uns heute ist es kaum greifbar, was es heißt, in Unfreiheit zu leben. Umso wichtiger war es, unsere Emotionen zuzulassen und aufzufangen. Dies haben wir durch das Hören politischer Liedern und einem persönlichen Schreibgespräch verarbeitet. An diesem Tag wurde einmal mehr deutlich, wie sehr es in der Geschichte immer um die Deutungshoheit über bestimmte Ereignisse geht und wie wichtig Aufarbeitung ist.

Am Mittwoch machten wir uns auf dem Weg zu einer Grundschule. Obwohl die Ferien bereits in Athen begonnen hatten, empfing uns das Kollegium mit offenen Armen. Wir tauschten uns über demokratische Partizipationsmöglichkeiten in der Schule aus. Dabei ging es sowohl um die strukturelle Einbindung von Schülerinnen und Schülern, zum Beispiel im Klassenrat oder einer SV, über organisatorische Möglichkeiten der Klassenraumgestaltung bis hin zu methodischen Überlegungen und Öffnung des Unterrichts. Insgesamt entwickelte sich ein lebhafter Austausch über beide Schulsysteme und die Unterrichtspraxis. In vielen Punkten scheinen wir in Deutschland schon weiter zu sein. Dies mag mit der erschreckenden Erkenntnis zu tun haben, dass die Wahl des Studiums und des Berufes in Griechenland nicht immer freiwillig geschieht, sondern auf dem Punkteschnitt in der zentralen Abiturprüfung beruht, als auch mit der deutlich geringeren Bereitstellung finanzieller Mittel für die Ausstattung der Schulen und für die Lehrerfortbildung. Dennoch fehlte es den Lehrkräften nicht an Leidenschaft und Kreativität, das Beste für Ihre Schülerinnen und Schüler herauszuholen.

Donnerstag begann mit einem Kunst-Workshop: Malen ohne Vorgabe mit Acrylfarben in unserem Seminarraum. Die Herausforderung war enorm, der Spaß und die Unterschiedlichkeit der entstandenen Werke noch viel größer. Wir sind es gewohnt, immer genaue Vorgaben zu haben, einen Plan zu erfüllen oder ein Lernziel zu erreichen. Aber was, wenn es das nicht gibt? Kreativität als Problemlösestrategie, die uns alle gleich macht. Dies war eine schöne Erfahrung.

Danach ging es nach Exarchia, einem Stadtteil, der stark studentisch und autonom geprägt ist und auch Ausgangspunkt vieler regierungskritischer Demonstrationen war und ist. Das Stadtbild wird hier durch viele kleinere Straßen, alternative Bars und Cafés sowie Szenetreffs geprägt. Besonders prägnant ist die überall präsente Graffiti-Kunst – von Wände füllenden Kunstwerken über Parolen bis hin zu kleinen Tags. Unser Auftrag war es, eine Präsentation über die Graffiti zu erstellen, so dass wir uns auf unterschiedlichste Weise mit der politischen und künstlerischen Dimension von Graffiti und Partizipation kritisch auseinandersetzen konnten.

Mit Freitag stand uns ein Tag zur freien Ausgestaltung zur Verfügung. Aber wie eine Entscheidung treffen? Selbst zu sechst ein gar nicht so einfaches Unterfangen. Es war spannend, die Gruppenprozesse und Entscheidungsfindung, die wir oftmals als selbstverständlich bei unseren Schülerinnen und Schülern voraussetzen, einmal wieder selbst durchspielen zu müssen und auch noch wieder einige neue Erkenntnisse zu erlangen. Und so ging es dann am Freitag früh noch einmal ins antike Zentrum auf die Agora, quasi dorthin wo in der Antike, aber auch für uns vor fünf Tagen alles begann. Da wir -wie meist- jeden Programmpunkt auskosteten, strichen wir das im Anschluss geplante Museum und bereiteten uns auf die Abschlussreflektion am Nachmittag vor. Diese ließ uns die vergangene Woche noch einmal in Form einer Zugreise durchleben, um anschließend die Wochentag-Waggons mit allen möglichen eigenen Produkten der Woche, Kommentaren in Wort und Bild oder Accessoires zu füllen. Ein aktivierende und kommunikative Methode, die verschiedensten Aktivitäten und Ereignisse der Woche noch einmal Revue passieren zu lassen. Danach machten wir uns auf dem Weg ins Plaka-Viertel, wo wir uns am Sonntag zuvor alle das erste Mal auf Einladung Petras hin beim gemeinsamen Essen kennengelernt hatten und nun unseren Abschluss nahmen.

Eine Woche voller Herzlichkeit, spannender Gespräche, Nachdenklichkeit und einem Potpourri an Inhalten, Methoden und Aktivitäten lag hinter uns. Diese Erasmus-Fortbildung war eine prägende und lohnende Erfahrung. Der gemeinsame Austausch mit den Teilnehmerinnen aus Deutschland, Österreich und Griechenland und die Debatten zu Partizipation und Demokratielernen mit Blick auf unsere tägliche Arbeit in Schule bereicherten die Fortbildung ungemein und entließ mich gestärkt mit dem Gefühl, das richtige zu tun und nicht allein dazustehen. Es ermutigte und bestärkte mich in meinem Tun, jungen Menschen Teilhabe zu ermöglichen und als Vorbild zu agieren – im ganz kleinen Mikrokosmus unseres Alltags wie auch im europäischen Miteinander. Denn: Nur gemeinsam sind wir stark, stark für die Demokratie! – Fa