Job Shadowing am Istituto Comprensivo 21, Bologna, Italien

„You can count on me, like one, two, three, I’ll be there…“ – das kenne ich doch, was der Chor da singt! Vieles ist ähnlich, manches aber auch ganz anders als an unserer Schule, das konnte ich bei meinem Besuch am IC21 in Bologna vom 25. bis 29.5.2026 feststellen. Hier durfte ich im Rahmen des Erasmus-Programms vier Tage an der Mittelschule und einen Tag an der angeschlossenen Grundschule hospitieren. In Italien geht die Grundschule bis zur 5. Klasse, anschließend besuchen alle Kinder gemeinsam die Mittelschule von der 6. bis zur 8. Klasse. Erst danach wählen sie eine weiterführende Schule, in der nach Leistung und Neigung differenziert wird (z.B. klassisches, neusprachliches oder technisches Gymnasium, Fachoberschule oder Berufsschule).

Meine Beobachtungsschwerpunkte lagen in den Bereichen der Erziehung zu Demokratie und Nachhaltigkeit, Integration und Differenzierung sowie Unterrichtsmethoden. Während meines Aufenthaltes habe ich am Unterricht in verschiedenen Klassen und Fächern teilnehmen dürfen und viele Gespräche mit Schulleitung und Lehrkräften sowie ein paar Schülerinnen und Schülern geführt. Außerdem gab es in der Woche ein Abschlusskonzert der 8. Klassen, in dem gesungen und getanzt wurde, sowie ein weiteres Konzert der Musikklassen. Die Schule hat einen Musikzweig, für den die Kinder sich bewerben können. Sie erhalten dann zweimal die Woche nachmittags kostenlosen Instrumentalunterricht (einmal einzeln, einmal in der Gruppe) in Klavier, Klarinette oder Querflöte. Der Instrumentalunterricht gilt als zusätzliches Schulfach, es gibt Prüfungen und Noten. Trotz der großen Hitze (die ganze Woche herrschten Temperaturen über 30 Grad!) musizierten alle sehr engagiert und zeigten teilweise außergewöhnliche Fähigkeiten auf ihrem Instrument für eine so kurze Unterrichtszeit.

Das Engagement der Schülerinnen und Schüler im Unterricht variierte stark, was sicher auch am  „Sauna-Feeling“ in den Klassenräumen lag. Hitzefrei gibt es nicht, der Unterricht geht jeden Tag bis 14 Uhr. Immerhin endet der reguläre Schulunterricht für die Kinder am 6. Juni (anschließend finden nur noch Prüfungen statt) und beginnt erst am 15. September wieder. Übrigens bekommen sie Übungshefte für die Sommerferien, damit sie in der langen Zeit nicht alles vergessen! In vielen Klassen gibt es Kinder mit Förderbedarf, deshalb sind meistens ein oder zwei Unterstützungslehrkräfte mit im Unterricht. Das ist eine sehr gute Möglichkeit, um die Kinder individueller fördern zu können, aber auch in Italien wurden natürlich die Einsparungsmöglichkeiten erkannt, weshalb um jede Lehrerstunde gekämpft wird. Gerade dadurch, dass die Unterstützungslehrkräfte sich um vieles „nebenbei“ kümmern, kann der Unterricht ansonsten störungsfrei verlaufen. Auch die Integration der Kinder mit besonderen Bedürfnissen gelingt so gut, da sich jemand speziell um sie kümmert und sie bei Bedarf auch Auszeiten außerhalb des Klassenraums nehmen können, sonst aber immer, wenn es geht, im Klassenverband dabei sind. Der Umgang der anderen Schülerinnen und Schüler mit den I-Kindern ist sehr herzlich, sie werden ermutigt und gelobt, wenn sie etwas geschafft haben, und auch mal in den Arm genommen, wenn ihnen etwas zu viel wird. Auf der anderen Seite wurde eingeräumt, dass eine Förderung besonders begabter Kinder im normalen Unterricht kaum möglich ist; dies wird eher in den Nachmittagsprojekten ermöglicht, die neben den Musikkursen zum Beispiel aus Angeboten in den Bereichen Technik, Kunst und Kultur oder Sport bestehen.

Alle Klassenräume sind mit Smartboards ausgestattet, außerdem gibt es z.B. einen Computerraum und eine große Schülerbibliothek. Auch die Klassengrößen ähneln mit um die 25 Personen denen bei uns. Im Unterricht selbst wurde besonders in den 8. Klassen auf die Abschlussprüfungen hingearbeitet, die am Ende der 8. Klasse von allen abgelegt werden müssen. Neben Wiederholungsstunden wurden (wie auch in anderen Klassenstufen) Präsentationen gehalten, die die Schülerinnen und Schüler in Gruppen oder Zweierteams erarbeitet hatten. Zwei Teams einer 7. Klasse hatten extra für mich ein paar deutsche Sätze in ihre Geo-Präsentationen eingefügt, obwohl es in der Schule ansonsten keinen Deutschunterricht gibt (zweite Fremdsprache ist Französisch oder Spanisch)! An der Grundschule habe ich eine tolle Geschichtsstunde gesehen, in der die Kinder einer 4. Klasse mit Begeisterung kleine Rollenspiele zu Mythen der frühen Hochkulturen aufgeführt haben. Es gefällt mir als Geschichtslehrerin sehr gut, dass das Fach Geschichte bereits ab der 3. Klasse unterrichtet wird, sodass alle bis zum Abschluss der 8. Klasse Grundkenntnisse über den gesamten Zeitraum von der Ur- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart erwerben können (und nicht erst wie bei uns bis zur 10. Klasse). Ab der 9. Klasse erfolgt dann noch einmal ein vertiefender chronologischer Durchgang.

Zu den Themen Demokratie und Nachhaltigkeit konnte ich viele interessante Eindrücke mitnehmen. In Italien gibt es seit einigen Jahren landesweit verpflichtend nicht nur Stunden zur Berufsorientierung und Digitalkompetenz, sondern es sind auch pro Schuljahr mindestens 30 Schulstunden „educazione civica“ vorgesehen, was man etwa mit „gesellschaftliche Bildung“ übersetzen könnte. Und diese ist nicht nur in Fächern wie Geschichte oder Geografie angesiedelt, sondern auf alle Schulfächer verteilt. Für jedes Schuljahr gibt es ein konkretes Curriculum, das die Schulen dann selbst an die Fächer anbinden. So übernimmt beispielsweise Mathematik Informationen über Verwaltungsabläufe oder das Erkennen von Falschinformationen, die Naturwissenschaften behandeln Themen im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit sowie Umgang mit Statistiken, Sport umfasst auch Gesundheit und Ernährung, in den Sprachen werden Kommunikation und interkulturelle Bildung gefördert, Kunst und Musik thematisieren das kulturelle Erbe, aber auch den Einsatz von KI-Tools, und natürlich wird in den Gesellschaftswissenschaften über politische und ökonomische Zusammenhänge gesprochen. Alles wird jeweils altersgerecht ab der 1. Klasse in den Unterricht integriert, ist als Kapitel oder Themenseiten in den Schulbüchern enthalten und findet schließlich auch Anerkennung in einer Zeugnisnote, die aus den Notenvorschlägen der einzelnen Fachlehrkräfte für das Fach „educazione civica“ gemittelt wird. Den Schülerinnen und Schülern gefällt es gut, da die Themen oft auf ihre konkrete Lebenswirklichkeit bezogen sind und als nützlich erachtet werden. Die meisten Lehrkräfte betrachten es auch sehr positiv, allerdings mit der kritischen Anmerkung, dass die Lehrpläne für die „educazione civica“ teilweise politisch tendenziös sein können (so wurde z.B. nach Antritt der neuen Mitte-Rechts-Regierung eine Schwerpunktverschiebung in manchen Bereichen vorgenommen).

Im allgemeinen Vorwort der Curricula ist zu lesen, dass Kompetenzen auf erworbenen Kenntnissen basieren. Das erscheint mir völlig plausibel, allerdings ist mir hier gerade im Bereich der Selbst- und Mitbestimmung aufgefallen, dass den Schülerinnen und Schülern wenig zugetraut bzw. vertraut wird: So gibt es beispielsweise keine Schülervertretung (erst in den Schulen ab der 9. Klasse), alles wird von den Lehrkräften bzw. vom Verwaltungspersonal organisiert (meine Anmerkung, dass bei uns ein Schülerteam in der Bücherei mithilft, wurde zum Beispiel als tolle Idee empfunden), und vor allem stehen die Kinder unter permanenter Kontrolle – das Schulgelände ist komplett umzäunt, das Tor abgeschlossen, sie dürfen nicht allein von einem Raum zum anderen gehen und werden auch von den Lehrkräften auf den Schulhof begleitet. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass die Eltern diese durchgehende Beaufsichtigung einfordern.

Bei den Lehrkräften sind die Aufgaben breit verteilt, es wird viel kommuniziert, Teamarbeit scheint gut zu funktionieren, es finden auch regelmäßig Gespräche und Konferenzen statt. Insbesondere die Planung des neuen Schuljahres ist ein Gemeinschaftsprojekt, für das in den ersten zwei Septemberwochen explizit noch unterrichtsfrei ist (für die Lehrkräfte enden die Sommerferien am 1. September). Praktisch unterstützt werden sie von mehreren nichtpädagogischen Mitarbeitern, die den gesamten Schultag an der Pforte präsent und neben Reparaturen und Reinigung auch für alles Organisatorische (Krankmeldungen, Vertretungen, Aufsichten, Kopien etc.) zuständig sind.

Viele weitere Anregungen habe ich aus Gesprächen über Arbeitsbedingungen, Lehrkräfteausbildung, Zusammenarbeit mit Institutionen (Bologna bietet als älteste Universitätsstadt der Welt zahlreiche außerschulische Bildungsangebote vom archäologischen Museum bis zu modernen Kreativwerkstätten) und vieles mehr gewonnen und kann das Job Shadowing somit als eine wirklich bereichernde Erfahrung bezeichnen. Zuguterletzt weiß ich nun sogar, was bei einem Erdbeben zu tun ist, denn es gab einen Probealarm: Beim ersten Alarmzeichen krabbeln alle unter die Tische (!), beim zweiten wird das Gebäude evakuiert. (Hg)