Mit Erasmus im Land der Geysire und Vulkane

Erlebnisbericht von einem Erasmus-Kurs in Island

Eigentlich war ich gar nicht so motiviert, am Erasmus-Programm teilzunehmen. Als ich dann aber über den Themenkomplex „Positive Psychologie in der Schule“ stolperte und noch auf den Kursort Reykjavik stieß, war es um mich geschehen: Das wollte ich machen! Dort wollte ich hin!

Und schon war ich gezwungen, über mich hinaus zu wachsen: alleine fliegen, bei Nacht in einer fremden Hauptstadt das gebuchte Hotel finden (oh je!), gar keinen kennen und so auf andere zugehen müssen, und das alles mit meinem eingerosteten Englisch.

Da ich mich durch meine exzellente Ausbildung im Schulfach „Glück“ in vielerlei Hinsicht kompetent fühle, was die Positive Psychologie anbelangt, wählte ich innerhalb dieses Themenkomplexes ein Kursangebot, was mich von jeher lockt, in dem ich aber noch nicht so bewandert bin: „Achtsamkeit und Meditation“. Auf Englisch klingt es noch anziehender: „Mindfulness and Meditation“. Wow! Ich war gespannt auf den neuen theoretischen Input, auf neue Techniken und Übungen. Auch hoffte ich, persönlich davon zu profitieren und meine neuen Erfahrungen in die Schule bzw. den Unterricht integrieren zu können. Der letzte Aspekt ist wohl der schwierigste, da das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Achtsamkeitsübungen, und dies noch in der Schule, vielen Schülern und Lehrern noch völlig abwegig erscheint.  

Nun bin ich ganz erfüllt aus Island zurückgekehrt (der Sprung ins kalte Wasser hat sich also gelohnt) und habe bewusst einige Erkenntnisse und Beobachtungen aus Reykjavik mit nach Hause gebracht. In Bezug auf den Aspekt „Achtsamkeit“ zwei ganz banale Weisheiten: Erstens: Ich bin die wichtigste Person in meinem Leben, du/ Sie übrigens die wichtigste in deinem/ Ihrem Leben. Dies impliziert keinen Egoismus, keine Ellenbogen anderen gegenüber, sondern vor allem, auf sich zu achten, auf sich selbst aufzupassen, und zwar sowohl auf seine körperliche als auch mentale Gesundheit. Zweitens: So wie wir auf unseren Körper achten, sollten wir auch unsere mentale Seite pflegen, stärken und trainieren. Da wir dies gern mal aus den Augen verlieren, ist es wichtig, dafür immer wieder ein Bewusstsein zu schaffen. In meinem Erasmus-Kurs konzentrierten wir uns dabei auf Geh-, Hör- und Beobachtungsmeditationen, Atemübungen und auf verschiedene Yogaformen. Besonders von dem Gestalten eines Mandalas aus Naturmaterialien und Phasen absoluter Stille war ich angetan. Das Stuhlyoga war für mich der Knaller! Alles Genannte haben wir in vielfältigen Übungen ausprobiert, mit Begeisterung und dem Gefühl der Entschleunigung. In die Schule, in den Unterricht kann man das alles in kurzen Phasen integrieren mit dem großen Effekt, wieder mehr Aufnahmekapazitäten und eine positive Bereitschaft für das Lernen zu reaktivieren. Wichtig ist dabei eine überzeugte Lehrerpersönlichkeit, die Achtsamkeit mit Begeisterung vorlebt, Zusammenhänge erklärt und auf die Ausführung – scheinbar unnützer Übungen – auch mal mit Strenge besteht, sodass Phasen der Achtsamkeit zu geschätzter, vielleicht liebgewonnener Praxis werden. Unsere isländischen Lehrerinnen Kristin und Berglind waren in dieser Hinsicht leuchtende Vorbilder. Sie verdeutlichten uns darüber hinaus immer wieder, wie viel nachhaltiger ein mit Bewegung gekoppeltes Lernen ist, das so oft wie möglich auch mal draußen stattfinden sollte.

Ein weiterer Fokus der Fortbildung lag auf dem isländischen Schulsystem und dem Besuch einer Vorzeigeschule. Das isländische Schulsystem enthält aus meiner Sicht wenig, was beispielgebend für deutsche Schulen sein könnte: Man lernt bis zum Alter von 15 Jahren zusammen, bleibt nicht sitzen und es gibt keine Noten. Vielmehr hat jede Schule ihre eigenen Bewertungszeichen, was zu Uneinheitlichkeit führt und teilweise für Verwirrung sorgt. Ab 16 Jahren geht man in ein College oder eine berufsbildende Schule. Insgesamt ist das Schulsystem sehr offen und man kann auch auf einem Umweg noch sein Abitur erreichen. Zwei Aspekte des isländischen Schulsystems halte ich dennoch für hervorheben – wenn nicht sogar nachahmenswert: Für Schüler ab dem 13. Lebensjahr gibt es während der Sommerferien die sogenannte Working school. Jedem daran interessierten Jugendlichen wird ein bezahlter Ferienjob für drei bis vier Wochen in den Sommerferien garantiert. Ein paar Stunden pro Tag pflegt man dann zum Beispiel mit anderen Teenagern Außenanlagen in der Nachbarschaft, verkauft Hotdogs, arbeitet im Schwimmbad und vieles andere mehr. Dieses Angebot wird gut angenommen mit den Ergebnissen, dass die Jugendlichen in den Ferien auch etwas Sinnvolles, etwas in einer Gemeinschaft machen und dass die Städte sehr gepflegt aussehen. Nebenbei verdient man noch ein paar Kronen, was im teuren!!! Island durchaus hilfreich ist.

Außerdem gibt es die Adult Education, was ein lebenslanges Lernen ermöglicht. Alle Angebote sind dabei kostenfrei. Lediglich für benötigtes Material muss ein erwachsener Fortbildungswilliger aufkommen.

Bei der besichtigten Muster-Schule handelte es sich um die Helgafellsscóli, die im Vergleich zu den traditionellen isländischen Schulen nach einem anderen Konzept arbeitet. Schon im Eingangsbereich empfingen uns groß geschrieben die drei Werte, die die Schulgemeinschaft in einem längeren Reflexionsprozess für sich erarbeitete: Mut, Zusammenarbeit und Respekt. Jeder wird somit am Morgen beim Betreten der Schule zum Leben der gemeinsamen Schultugenden ermutigt. Von diesen ausgehend wurde eine eigene Konzeption der Schule entwickelt. Unter ihrem Dach lernen Kinder vom Kindergartenalter bis zum Alter von 15 Jahren. Die Schüler arbeiten größtenteils selbstbestimmt an Projekten, die auf realen Problemen basieren sowie unter Anwendung und Aneignung von Wissen verschiedener Fächer gelöst werden. Beispiele dafür waren in der Vergangenheit, Möglichkeiten zu finden, Plastikmüll in den Ozeanen oder Essensreste in der Cafeteria zu reduzieren. Da sie dies in Gruppen tun, werden Teamgeist, Verantwortung für eigene und gemeinsame Arbeit, gegenseitiger Respekt sowie das Lernen voneinander sehr großgeschrieben. KI darf dabei verwendet werden, denn man möchte die Schüler auf das Leben mit all seinen Veränderungen vorbereiten und keine künstliche Lernatmosphäre schaffen. Zwei bis drei Lehrer begleiten eine Klasse während des Projektes, sodass Schüler regelmäßig die Möglichkeit haben, mit einem Lehrer, der vor allem als Coach agiert, über ihr Projekt zu sprechen. Zum Teil unterstützen auch Leute von außen – Experten, Unternehmer – diese Arbeit. Um ihr Projekt herum organisieren die Schüler selbst, wann sie Unterricht in Mathe, Isländisch, Englisch und anderen Fächern in Anspruch nehmen. Dies darf, je nach Können und Vorlieben, variiert werden. Neben Rückmeldungen durch die Lehrer geben drei national einheitliche Tests eine Rückmeldung zum Leistungsstand des Einzelnen bzw. der Schuljahrgänge, und dadurch zur Effektivität des Schulkonzeptes. Mehrere Projekte der Schule wurden bereits innerhalb Islands ausgezeichnet.

Zudem gibt es so genannte „Buddy classes“. Hier treffen ältere und jüngere Schüler zu gemeinsamen Aktivitäten, wie dem Planen und Durchführen einer Weihnachtsfeier, eines Basars oder Ähnlichem zusammen.

Das gemeinsame, selbstbestimmte Lernen an Projekten bedingt ein andersartiges Raumkonzept. Besonders auffallend waren große Klassenräume, in denen zum einen im Klassenverband gearbeitet werden kann und außerdem viel Platz für individuelles Platzieren ist. Gleichermaßen gibt es in den Räumen mit Glas abgetrennte Lernzonen und jeder Schüler hat ein Fach für seine Materialien. Es gibt Sitzsäcke, um es sich bequem zu machen beim Lernen. Die Lernumgebung ist also so gestaltet, dass sie zum Lernen und guten Ergebnissen einlädt. Sie ist so schön, dass man respektvoll mit ihr umgeht. Besonders angetan bin ich von der Regelung, dass jeder Schüler und Lehrer herumliegenden Müll aufhebt. Dabei ist es egal, dass man diesen nicht selbst hingeschmissen hat. Dadurch achtet jeder Einzelne selbst mehr darauf, seinen Müll ordnungsgemäß zu entsorgen und das Schulgelände ist innen und außen sehr sauber. Das würde ich mir auch für unsere Schule wünschen. Ich glaube, dies würde viel Aufklärungsarbeit und anhaltende Anstrengung vonseiten der Lehrer implizieren, eine Arbeit, die nach einiger Zeit aber auch über die Schule hinaus Früchte tragen würde.

Zur Innenausstattung der Schulen gehören auch Kochateliers, ein Schulgarten, der sich zum Teil innen und zum anderen Teil auf einer Dachterrasse befindet, Pausenkorridore mit Sofas, Bücherregale und Spiele. In einer solchen Schule hätte ich als Kind auch gerne gelernt!

Für mich persönlich war diese Erasmus-Fortbildung einerseits eine Herausforderung. Ich musste mich mal wieder aus meiner Komfortzone herausbewegen, indem ich mich auf neue Inhalte einließ, mich in einer fremden Hauptstadt zurechtfand und auf andere zuging. Andererseits ist es eine tolle Erfahrung, ein anderes Land etwas kennenzulernen (Geysire, dampfende Erde und 38 Grad warme Lagunen habe ich wirklich gesehen bzw. erlebt) sowie sich mit vielen Lehrern aus ganz Europa auszutauschen und so die Idee eines gemeinsamen Europas wirklich zu leben. Und so kann ich euch – liebe Lehrer und Schüler – nur ermutigen, auch mal am Erasmus-Programm teilzunehmen und dabei zu wachsen. Ich jedenfalls werde es wieder tun! – Pr